„8 von 10 machen Abitur!“

Es gibt kaum einen Abschlussjahrgang am LBZH, aus dem heraus nicht einige Schüler mit dem erweiterten Sekundarabschluss I in die gymnasiale Oberstufe wechseln.

Momentan besuchen uns –in alter Verbundenheit -  ehemalige Schülerinnen und Schüler aus dem Jahrgang 2009/2010, um voller Stolz ihre Abiturzeugnisse oder Gesellenbriefe zu zeigen.

Das Besondere an diesem Jahrgang ist, dass 8 von 10 Schülern in die gymnasiale Oberstufe gegangen sind: eine Schülerin an die Schwerhörigenschule  Margarete von Witzleben in Berlin (sie hat schon im letzten Jahr ihre Abiturprüfung abgelegt), sieben in die gymnasiale Oberstufe der Rheinisch-Westfälischen Schule für Hörgeschädigte in Essen.

Die Schülerin Lina Hisleiter beschreibt im Folgenden  eindrucksvoll ihren Weg durch die Schullandschaft. Der hohe Stellenwert individueller Förderung am LBZH wird deutlich. Sie ist das Maß, an dem sich inklusive Bildung messen lassen muss, wenn sie erfolgreich und zum Wohle der Hörgeschädigten sein will!

D. Nölker

 

 

Mein Weg zum ABI

Geschafft! Ich hab ABI J. In meiner 13 jährigen Schullaufbahn habe ich insgesamt fünf verschiedene Schulen besucht und möchte hier von meinen Erfahrungen erzählen.

Ich bin jetzt 19 Jahre alt und von Geburt an Taubheit grenzend schwerhörig. Mit wenigen Monaten erhielt ich meine ersten Hörgeräte, mit denen ich keine Sprache erwerben konnte. Im Jahr 1997 wurde ich an der MHH operiert und bekam mein erstes Cochlear Implantat. Mit erst knapp vier Jahren lernte ich Hören und Sprechen. Im Alter von 11 Jahren erhielt ich auf eigenen Wunsch ein zweites Cochlea Implantat und lernte noch besser Hören und Sprechen.

Mit sieben Jahren wurde ich in der Hartwig-Claußen Schule in Hannover zum Schuljahr 2001/02 eingeschult. Die täglichen Taxifahrten war ich bereits gewohnt, da ich vorher drei Jahre einen Kindergarten in Hannover besucht habe. In der Förderschule mit dem Schwerpunkt Hören habe ich mich in einer kleinen Klasse mit acht Schülern sehr wohl gefühlt. Da ich im Vergleich zu meinen Mitschülern/innen relativ gut hören und sprechen konnte, war ich im Unterricht oftmals unterfordert. Aufgrund des entfernten Schulbesuchs hatte ich kaum Kontakte zu Gleichaltrigen in meinem Wohnort. Aus diesen beiden Gründen wünschte ich mir immer mehr die Grundschule in meinem Dorf besuchen zu dürfen. Nach einer Probewoche im 2. Halbjahr der 2. Klasse durfte ich die Schule wechseln.

Die ersten Wochen waren eine große Umstellung, die langen Fahrten fielen weg und ich war glücklich darüber, dass ich mit meinen großen Geschwistern zu Fuß zur Schule gehen konnte. Zu Beginn gab es einige Schwierigkeiten bezüglich der Kommunikation innerhalb der Klasse. Diese ließen jedoch mit der Zeit immer mehr nach und ich hatte auch Spaß am Unterricht. Ich freute mich, Freundschaften zu schließen und fühlte mich meistens sehr wohl.

Mein Streben nach guten Noten wurde immer stärker. Ich bin aus einer Förderschule gekommen und wollte meine guten schulischen Leistungen beibehalten, um zu beweisen, dass ich den Herausforderungen gewachsen war. Für mich wurde es zur Normalität, dass ich „Nicht Verstandenes“ im Unterricht zusammen mit meiner Mutter am Nachmittag nachholte, um im Anschluss die Hausaufgaben erledigen zu können. Trotzdem blieb Zeit für Verabredungen mit Freundinnen und für meine Hobbys (Flöten und Sport).

Einmal in der Woche besuchte mich eine Lehrerin der Hartwig-Claußen Schule. Zusammen besprachen wir Aufgaben, die ich nicht verstanden habe – im Gegenzug verpasste ich immer die reguläre Unterrichtsstunde.

Nach erfolgreicher Beendung der Grundschulzeit bekam ich eine Empfehlung für das Gymnasium. Ich wollte diese Herausforderung wagen und freute mich mit meiner guten Freundin die 5.Klasse zu besuchen. In der neuen Klasse waren wir 32 Schüler/innen. Ich durfte mir den für mich geeignetesten Platz aussuchen. Ich bevorzuge bis heute Plätze mit dem Rücken zum Fenster, um zu vermeiden, dass das helle Licht mich blendet und mir dadurch das Ablesen vom Mund erschwert.

 

Während des Schulunterrichtes hatte ich eine Schulbegleitung, die für mich Schriftprotokolle führte, damit ich diese Zuhause durchlesen und somit die Hausaufgaben einigermaßen machen konnte. Das Schulpensum wurde von Tag zu Tag mehr und ich spürte meine Grenzen. Ich verstand im Unterricht immer weniger und musste nachmittags immer mehr nacharbeiten, um meine mir wichtigen Noten behalten zu können. Ich hatte kaum noch Zeit für meine Hobbys und Verabredungen. Ich wurde immer stiller und unglücklicher.

Schule bedeutete für mich nur noch Stress. Meine Familie und ich kamen zu dem Entschluss, dass es besser für mich wäre die Schule zu wechseln.

Das LBZH in Hildesheim war uns zu dem Zeitpunkt schon bekannt, da ich im Kleinkindalter von dort die Frühförderung erhielt. Wir nahmen Kontakt auf und vereinbarten eine Probewoche, als ich im ersten Halbjahr der 6.Klasse war. Am LBZH gab es keine 6. Realschulklasse mit Lautsprache. Aus diesem Grund sollte ich dort die 5.Klasse besuchen. Da ich die 5.Klasse am Gymnasium mit guten Noten abgeschlossen hatte, wollte ich nicht noch einmal diese Klassenstufe wiederholen. Deshalb durfte ich meine Probewoche in der 7. Klasse verbringen. Für mich war die Woche am LBZH ungewöhnlich. Im Klassenraum herrschte während des Unterrichts ungewohnte Stille und alle Schüler benutzten die FM-Anlage. Das Gefühl im Unterricht fast alles verstehen zu können war sehr positiv. Schnell merkte ich, dass die Schüler/innen nachfragen müssen, wenn sie etwas akustisch nicht verstanden haben. Ich war während dieser Woche sehr unsicher, zurückhaltend und habe kaum gesprochen. Aus diesem Grund war der Klassenlehrer unsicher, ob ich die 7.Klasse dort schaffen würde. Trotzdem durfte ich das 7. Schuljahr als Sechstklässlerin weiterhin auf Probe besuchen.

Manche Lehrer und auch Schüler des Gymnasiums haben nicht verstanden, weshalb ich freiwillig die Schule wechseln wollte. Sie sahen oft nur meine guten schulischen Leistungen, aber nicht die anstrengende Nacharbeit Zuhause.

Der Schulwechsel im Dezember 2006 bedeutete für mich, dass ich wieder Bus fahren musste. Um pünktlich in der Schule zu sein, bin ich täglich um 5.45 Uhr aufgestanden und kam nicht vor 14:45 Zuhause an. In manchen Fächern musste ich einiges aufholen, aber in anderen konnte ich direkt einsteigen.

Ich fühlte mich von Tag zu Tag wohler und wurde auch im Unterricht mutiger. Schnell lernte ich meine Klassenkameraden/innen kennen und nach wenigen Wochen hatte ich das Gefühl richtig am LBZH angekommen zu sein. Aufgrund der geringen Klassengröße hatten die Lehrer/innen die Möglichkeit auf jeden einzelnen Schüler einzugehen und zu unterstützen.

Ich bemerkte welche große Belastung von mir abfiel und konnte wieder sorglos zur Schule gehen. Den Unterricht konnte ich sehr gut mitverfolgen und musste Zuhause nur noch meine Hausaufgaben machen und nichts nacharbeiten. Dadurch wurde ich entspannter und hatte wieder etwas mehr Freizeit. Am Ende des Schuljahres wurde ich offiziell in die 8.Klasse versetzt. Der Schulwechsel hat mir sehr gut getan.

 

 

Im Unterricht haben wir viel in Gruppen- und Partnerarbeit gelernt. Es wurden Referate in verschiedenen Fächern vorbereitet und vorgetragen. Der Unterricht am LBZH, den ich erleben durfte, hat mich effektiv auf die gymnasiale Oberstufe vorbereitet. Projektwochen, verschiedene Klassenausflüge, Klassenfahrten, Theaterbesuche und andere Aktivitäten waren eine gute Abwechslung zum Unterricht. Die Schule des LBZHs hat kleine Klassen, ist sehr überschaubar und familiär.

Die Abschlussprüfungen in der 10. Klasse waren für mich gut zu bewältigen und ich hatte mich entschieden auf das RWB in Essen zu gehen, um dort das Abitur zu machen.

Schuljahr 2010/11: Neue Stadt, neue Schule, neue Lehrer, neue Mitschüler, neues Wohnumfeld. Ich war sehr froh, diese Reise nicht allein antreten zu müssen. Zu fünft zogen wir in das Internat und besuchten die Vorklasse. Die Vorklasse dient der Schaffung einheitlicher Grundlagen für die Bildungsgänge des Berufskollegs. Ich selbst kam in der Vorklasse sehr gut klar. Viele Themen im Unterricht waren mir bereits aus dem LBZH bekannt und auch auf das selbstständige Arbeiten (z.B. Referate) war ich gut vorbereitet. Die Zeit in Essen, sowohl in der Schule, als auch im Internat war sehr erfahrungsreich.

Jetzt aber bin ich froh, dass ich mein ABI habe.

 

SCHICHT IM SCHACHT - Wir haben den Pott gerockt

 

Lina Hisleiter